Demenz in Zeiten des Coronavirus – Interview mit Demenzexpertin Andrea Stix

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Die Demenzexpertin Andrea Stix erzählt im Interview über die Besonderheiten im Umgang mit dementen Personen in der aktuellen Corona-Situation und gibt ein paar Tipps für die Demenzbetreuung zu Hause.

Frau Stix, viele Demenzkranke fühlen sich in der aktuellen Corona-Situation verunsichert und leiden deswegen darunter. Wie erklärt man einem Demenzerkranken die Situation rund um das Coronavirus?

Menschen mit beginnender Demenz entnehmen die Nachrichten aus Radio oder TV oder lesen noch selbst die Zeitung. Dennoch ist es wichtig, sich für alle Fragen, die von Ihnen gestellt werden, ausreichend Zeit zu nehmen und Ihnen das Nötigste mit verständlichen Worten zu erklären. Durch mehrmaliges liebevolles Erinnern an die Maßnahmen, die eigene Vorbildwirkung und entsprechende Umorganisation des Alltags, z.B. Gedächtnistraining daheim statt in der Tagesbetreuung, kann viel bewirkt werden.

Menschen mit fortgeschrittener Demenz benötigen für ihren Alltag ohnehin Unterstützung und leben meistens nicht mehr alleine. Aber auch hier sollten die Menschen mit einfachen Worten über die wichtigsten Maßnahmen informiert werden. Das ist Wertschätzung gegenüber der erkrankten Person und schafft Vertrauen.

Was kann man tun, wenn die betreuende Person die Notwendigkeit der aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19 nicht versteht und z. B. keine Maske tragen will?

Da chronisch erkrankte Personen zu der „Hochrisiko“-Gruppe gehören, sollten sie grundsätzlich den Kontakt mit anderen Menschen (ausgenommen Betreuungspersonen) vermeiden.

In allen geschlossenen Räumen (Ärzte, öffentliche Verkehrsmittel, Geschäfte) ist verpflichtend eine MNS-Maske zu tragen. Viele wissen aber nicht, dass besondere Personengruppen von dieser Pflicht ausgenommen sind. Dazu zählen auch jene, denen aus gesundheitlichen Gründen das Tragen nicht zugemutet werden kann wie z.B. Menschen mit Demenz.

Um aufgrund des fehlenden MNS Missverständnisse oder Konflikte mit anderen Personen zu vermeiden, sollte aber immer ein Nachweis der Befreiung (Behindertenausweis oder Arztbestätigung) mitgeführt werden.

Der normale MNS ist kein Eigenschutz, sondern dient vor allem dazu, andere Personen nicht anzustecken, falls man selbst schon den Virus in sich trägt. Insofern können Angehörige und Betreuer diesbezüglich aufatmen, wenn die erkrankte Person – trotz aller getroffenen Vorsichtsmaßnahmen – die eigenen vier Wände verlässt. Wichtig ist in diesem Fall bei der Rückkehr die gründliche Reinigung der Hände.

Die Pandemie führt zu einem neuen Alltag für uns alle. Besonders schwer fällt es Menschen mit Demenz, sich an neue Lebenssituation zu gewöhnen. Wie lässt sich gemeinsame Freizeit während der Pandemie gestalten?

Wie bereits erwähnt sollten nicht zu viele Menschen persönlich besuchen und begleiten. Wo noch möglich kann über Skype oder über Telefon der Kontakt gehalten werden. Alternativ bietet sich auch an, Postkarten mit schönen Motiven und kurzen Texten zu senden und wer in der Nähe wohnt, kann kleinere Pakete vor die Tür legen mit Dingen, welche den/die erkrankte(n) Angehörige(n) erfreut.

Jene Personen, die vor Ort begleiten, sollen auf einen gleichmäßigen Tagesablauf schauen. Dies gibt den Menschen Sicherheit und Geborgenheit. Soweit noch möglich, können Menschen mit Demenz noch in die Alltagsaktivitäten einbezogen werden. Ein gemeinsamer Spaziergang an der frischen Luft sorgt für körperliches und seelisches Wohlbefinden und bietet Abwechslung zu den vier Wänden. Wo dies nicht (mehr) möglich ist, können auch kleine Bewegungseinheiten daheim durchgeführt werden, wie z.B. Übungen mit einem kleinen Ball oder einfache Bewegungen zu schwungvoller Musik.

Je nach Fähigkeit und Interesse können Brett- oder Kartenspiele, gemeinsames Erinnern anhand von Fotos oder Gegenständen oder gemeinsames Singen von alten Schlagern und Volksliedern oder durchblättern der Lieblingszeitschrift oder von Prospekten (Tiere, Blumen Werkzeug) den Alltag auflockern.

Welche Tipps können Sie Betreuenden für den Umgang mit dem Demenzkranken in Corona-Zeiten geben?

Leben mehrere Personen im gemeinsamen Haushalt, dann die Betreuung und Begleitung von Menschen mit Demenz abwechselnd durchführen.

Wenn dies nicht der Fall ist, dann Ruhezeiten von der erkrankten Person für sich selbst nützen, entweder einem Hobby nachgehen oder sich in einen anderen Raum zurückziehen, wo man sich in seine Lieblingsmusik oder ein gutes Buch vertiefen kann oder – wenn es möglich ist – bei einem Spaziergang wieder Kraft zu tanken.

Telefonate mit Familienmitgliedern oder Freunden oder online-Angebote von Selbsthilfegruppen nutzen, um sich mit anderen auszutauschen. Überlegen, ob manche Dienste nicht ausgelagert werden können, z.B. Einkäufe durch ehrenamtliche Mitarbeiter oder Nachbarn, Essen auf Rädern oder Zustelldienste der Gastronomie.

Vielen Dank das Sie sich die Zeit für dieses Gespräch genommen haben!

Zur Person

So beschreibt Andrea Stix Ihre Berufung:

„Ich darf Familien, in denen eine Person an Demenz erkrankt ist, begleiten. Jeder Tag ist einzigartig und vielfältig.

Im lebendigen Austausch mit den Betroffenen kann ich so viele Ressourcen entdecken, so viel Herzlichkeit spüren und darf von deren Lebensgeschichte lernen. In meiner monate- manchmal auch jahrelangen Begleitung auf Augenhöhe steht Freude und positives Erleben im Vordergrund.

Angehörige und andere Betreuungspersonen profitieren von diesen Erfahrungen aus meiner Praxis. Sie finden in mir eine Energie-Tankstelle, die mit viel Einfühlungsvermögen auf die vorhandenen Bedürfnisse eingeht und beim Beseitigen der schweren Belastungen unterstützend zur Seite steht.“

Mehr Informationen finden Sie auf ihrer Homepage: https://www.felix-demenzbegleitung.at/

the shop können Sie mehr über ihre Tätigkeit als Demenzexpertin nachlesen.

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