„Es ist ein langsamer Prozess“ – Dr. Ulrich Pluta über die Zukunft von eHealth

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In Medien, auf Fachkongressen und Messen ist eHealth mittlerweile ein großes Thema. Auf unserem Blog befragen wir deshalb in regelmäßigen Abständen Experten auf dem Gebiet und bitten Sie um Antworten auf drei zentrale Fragen zur Zukunft unseres Gesundheitssystems. Heute ist Dr. Ulrich Pluta an der Reihe.

Herr Pluta, für die meisten Experten ist eHealth alternativlos. Trotzdem sieht es in der Praxis oft anders aus. Was denken Sie: Wird sich eHealth in Pflege und Gesundheit in Kürze flächendeckend durchsetzen oder bleiben Pflege und Gesundheit Systeme, in denen Wandel nur schleichend seinen Durchbruch findet?

Grundsätzlich betrachtet wird die Digitalisierung im Gesundheitswesen nicht aufzuhalten sein. Die Verbreitung von eHealth wird dabei vor allem durch zwei Faktoren beeinflusst: Durch spürbare Vorteile für die Nutzer und akzeptable Bezahlmodelle. Beide Faktoren sind bei vielen eHealth-Anwendungen bislang nur schwer zu erreichen, da im Zusammenspiel von Patienten, den Leistungserbringern und Kostenträgern Nutzen und Bezahlung voneinander getrennt sind.

Somit richten sich potentiell erfolgreiche eHealth-Angebote erstens entweder an Kunden, die für einen spürbaren Nutzen selbst bezahlen würden oder zweitens an Patienten, was bedeutet, dass eHealth in die komplexen Strukturen des selbstverwalteten Gesundheitssystems eingebunden werden muss. Erstgenannte Modelle werden in dem Maße erfolgreicher werden, indem die Bereitschaft von Kunden zunimmt, für Gesundheit zu bezahlen. Bei bestehender Versicherungspflicht für alle Bürger und der typisch deutschen “Vollkasko-Mentalität” wird der Erfolg solcher eHealth-Anwendungen auf absehbare Zeit eher in ausgesuchten Nischen liegen. Und auch beim zweiten Modell wird es wohl nur wenige ausgesuchte Nischenanwendungen geben, denen es gelingt, die Komplexität der Selbstverwaltung erfolgreich abzubilden oder zu umgehen.

Bei bestehender Versicherungspflicht für alle Bürger und der typisch deutschen “Vollkasko-Mentalität” wird der Erfolg solcher eHealth-Anwendungen auf absehbare Zeit eher in ausgesuchten Nischen liegen.

Dr. Ulrich Pluta

Kurz gesagt, es besteht bei mir keine Hoffnung auf zügige, umfassende Einführung von eHealth-Anwendungen im deutschen Gesundheitssystem. Es ist ein langsamer, iterativer Prozess.

In welchem medizinischen Bereich sehen Sie den größten Nutzen von eHealth?

Den größten Nutzen haben Patienten, wenn zum Zeitpunkt einer medizinischen Entscheidung alle relevanten Informationen in der Weise vorliegen, dass die bestgeeignete Therapie (und Therapeut) ausgewählt werden kann. Hier kann eHealth u. a. mit Integration von Anwendungen, Analysewerkzeugen oder künstlicher Intelligenz (AI) einen entscheidenden Beitrag leisten. Sicherheit und Qualität steigen, Fehl-, Über- und Unterversorgung werden erkennbar und vermeidbar. Die entstehende Transparenz, Messbarkeit und Vergleichbarkeit gefällt aber nicht allen Leistungserbringern.

Wie arbeiten Sie persönlich daran, eHealth in das Pflege- und Gesundheitssystem zu integrieren?

Derzeit bin ich nicht mehr im eHealth-Bereich tätig. Die Akzeptanz und Verbreitung geht für mich persönlich zu langsam und schwerfällig voran, aber natürlich bleibe ich interessiert am Thema.

Vielen Dank für Ihre Antworten!

Zur Person

Dr. med. Ulrich Pluta hat Humanmedizin studiert und war in der Kardiochirurgie tätig, bevor er bei Oracle, T-Systems und IBM nationale und internationale Leitungsaufgaben im Vertrieb und Business Development für eHealth übernahm. 2014 hat Dr. Pluta seine berufliche Karriere aus persönlichen Gründen beendet, verfolgt das Thema eHealth aber interessiert weiter, u. a. als Investor und Business Angel.

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