„Wird schleppend implementieren“ – Dr. Martina Hasseler über die Zukunft von eHealth

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In unserer Interview-Reihe über die Zukunftsaussichten von eHealth in Pflege, Medizin und Gesundheit geht es heute mit Frau Dr. Martina Hasseler weiter. Sie ist Professorin für Pflegewissenschaft an Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, Fakultät Gesundheitswesen.

Frau Dr. Hasseler, für die meisten Experten ist eHealth alternativlos. Trotzdem sieht es in der Praxis oft anders aus. Was denken Sie: Wird sich eHealth in Pflege und Gesundheit in Kürze flächendeckend durchsetzen oder bleiben Pflege und Gesundheit Systeme, in denen Wandel nur schleichend seinen Durchbruch findet?

Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, wie man eHealth definiert. Das übliche Verständnis fokussiert ja eher die Informations- und Kommunikationstechnologien. In dieser Lesart geht es eher darum, Informationen im Gesundheits-und Pflegesystem auszutauschen, zu verbinden, diese Wege effizienter zu gestalten, Behandlungsprozesse sollen verbessert werden. Eigentlich müssen wir die Entwicklung des Gesundheits- und Pflegesystems noch umfassender sehen. Es werden neue Technologien, Robotik, künstliche Intelligenz Einzug halten. Darauf werde ich aber hier nicht eingehen, da die neuen Technologien noch ganz andere Entwicklungen und disruptive Veränderungen nach sich ziehen werden, auf die wir noch gar nicht vorbereitet sind, weil wir noch nicht mal eHealth annähernd angemessen implementiert haben.

Im Moment gehe ich davon aus, dass eHealth sich nur schleichend in Deutschland umsetzen wird. Diese Einschätzung hat unter anderem mit unserer nicht ausreichenden Infrastruktur zu tun, die eHealth voraussetzt. Ich habe in einem Artikel gelesen, dass Deutschland im Digitalisierungsindex vor Polen auf dem vorletzten Platz steht. In einer anderen Untersuchung wurde festgestellt, dass die deutschen Krankenhäuser im europäischen Vergleich auch die hinteren Plätze in der Digitalisierung einnehmen. Für eine erfolgreiche Umsetzung von eHealth benötigen wir aber die technischen und digitalen Voraussetzungen. Wir haben zwar mit dem digitalen Versorgungsgesetz bspw. nun Möglichkeiten geschaffen, auch Projekte fördern und umsetzen zu lassen. Gleichwohl werden die Projekte mehrere Jahre bis zur erfolgreichen Umsetzung benötigen. Darüber hinaus müssen wir uns fragen, ob die Gesundheits- und Pflegeberufe auf die neuen Entwicklungen vorbereitet werden. Die Anwendung und Umsetzung von eHealth hängt auch davon ab, wie gut die Professionen im System dafür qualifiziert sind. Im Moment bereitet keine Ausbildung und kein Studium die Gesundheits- und Pflegeprofessionen, die ja die Anwender sind, auf eHealth vor. Darüber hinaus ist eine Organisationsentwicklung in den Einrichtungen und Institutionen in den Sektoren notwendig. Die Prozesse der Zusammenarbeit werden sich ändern, die Relevanz und Positionen einiger Berufe werden sich verändern und mehr weitere Veränderungen werden sich ergeben. Aber in Deutschland sind die meisten Institutionen wie Krankenhäuser oder Arztpraxen oder Pflegeheime nach Vorstellungen des letzten Jahrhunderts aufgebaut und organisiert. Auch in der Finanzierung der Leistungen im Gesundheits- und Pflegesystem wird eHealth noch nicht angemessen berücksichtigt.

Mit anderen Worten: es gibt viele Gründe davon auszugehen, dass eHealth in Deutschland nur schleppend implementieren wird.

In welchem medizinischen Bereich sehen Sie den größten Nutzen von eHealth?

In der Lesart, dass eHealth unter Informations- und Kommunikationstechnologien subsumiert werden kann, hat es für die berufsgruppen- und sektorenübergreifende Versorgung einen hohen Nutzen. Patienten*innenrelevante Informationen können ausgetauscht werden, es wird schneller möglich, auf akute Veränderungen einzugehen u.w.m. Es ist vorstellebar, dass das Entlassmanagement mit eHealth effektiver und effizienter gestaltet werden kann oder die häusliche Krankenpflege (nach § 37 SGB XI) sich im Sinne der Patientenversorgung bedarfsgerechter und schneller rezeptieren und organisieren lässt.

Idealerweise werden die Bürgerinnen und Bürger, die Versicherten, die Menschen in unserem Lande stärker in ihre Gesundheits- und Pflegeversorgung eingebunden, sodass wir einen höheren Partizipations- und Autonomiegrad erreichen können. Sie werden stärker verantwortlich in die eigene Gesundheits- und Pflegeversorgung durch die neuen Technologien eingebunden. Das heißt, die Menschen in unserem Land werden durch eHealth mit höheren Gesundheitskompetenzen ausgestattet. Vor diesem Hintergrund gehe ich davon aus, dass sich die Rollen und Funktionen der einzelnen Gesundheits- und Pflegeprofessionen ändern werden. Sehr stark wird sich die Kommunikation zwischen den Sektoren und an Versorgung beteiligten Professionen wie auch mit den Patientinnen und Patienten im System ändern.

Wie arbeiten Sie persönlich daran, eHealth in das Pflege- und Gesundheitssystem zu integrieren?

Zunächst versuche ich auf allen Ebenen dafür zu sensibilisieren, dass für die Implementation von eHealth alle an Gesundheits- und Pflegeversorgung beteiligten Professionen beteiligt werden müssen. Sie sollten sowohl an der Entwicklung wie an der Umsetzung und natürlich auch in der Anwendung partizipieren. Diese Diskussionen, ob auch andere Berufsgruppen oder nur Ärzte daran beteiligt werden sollten, sind ein wenig obsolet. Bislang dominiert in unserem System leider eine arztbezogene Diskussion, in der Annahme, dass eine bedarfsgerechte Versorgung nur mit Ärztinnen und Ärzten erfolgt. Diese Lesart ist extrem verkürzt. Sowohl die anderen Professionen wie die Ärztinnen und Ärzte müssen über die Maßnahmen und Interventionen, die in den Sektoren erfolgen informiert werden, um diese aufeinander abzustimmen. EHealth birgt die Chance, dass diese Informationen sektoren- und berufsgruppenübergreifend sinnvoll ausgetauscht und übermittelt werden können. Aber die Ziele von eHealth werden nicht ohne Integration aller Beteiligter erreicht werden. Deswegen bedarf es eines interprofessionellen Verständnisses der Gesundheits- und Pflegeversorgung als Grundlage für die Umsetzung von eHealth. Des Weiteren versuche ich, mit drittmittelgeförderten Projekten u.a. an der Qualifikation von Gesundheits- und Pflegeprofessionen mitzuwirken, damit sie neue Technologien adäquat einsetzen können, aber auch in der Lage sind, an der Organisationsentwicklung mitzuwirken. Nicht zuletzt geht es auch darum, neue Versorgungsarrangements unter Integration von eHealth und anderen neuen Technologien zu entwickeln, zu erproben und in Wirksamkeit zu untersuchen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Hier ist die Vita von Dr. Martina Hasseler zu finden.

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