„Alles, was digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert werden“ – Steffen Uffenorde über die Zukunft von eHealth

Steffen Uffenorde_überarbeitet

Immer wieder kommen auf unserem Blog Experten aus dem Bereich eHealth und dem Gesundheitswesen zu Wort, um ein Blick in die Zukunft zu wagen. Wie wird sich eHealth in den nächsten Jahren entwickeln und wo liegen die größten Vorteile? Heute ist Steffen Uffenorde, Lehrbeauftragter im Bereich Public Health und Medizinpädagogik an der FOM Hochschule an der Reihe.

Herr Uffenorde, für die meisten Experten ist eHealth alternativlos. Trotzdem sieht es in der Praxis oft anders aus. Was denken Sie: Wird sich eHealth in Pflege und Gesundheit in Kürze flächendeckend durchsetzen oder bleiben Pflege und Gesundheit Systeme, in denen Wandel nur schleichend seinen Durchbruch findet?

Die Lösungen im Bereich eHealth sind vielfältig – es gibt Apps, es gibt Robotik, Künstliche Intelligenz usw. – also möchte ich zunächst zeigen, dass es mir im Folgenden um die Betrachtung aller Produkte geht in denen Informations- und Kommunikationstechnologien für die Behandlung von Patienten zum Einsatz kommen, gem. einer Definition vom Bundesministerium für Gesundheit.[1]

Um die Entwicklung der kommenden Jahre zu prognostizieren, muss man einige Punkte berücksichtigen.

Die Gründe, die für die relativ langsame Entwicklung der Digitalisierung im Gesundheitswesen verantwortlich sind, sind vielfältig. Im Handel, wo Amazon agiert, oder im Bereich Mobilität mit Uber und Co. konnte bereits sehr viel digitalisiert werden. Im Gegensatz zu diesen Branchen gibt es im Gesundheitswesen relativ hohe regulatorische Anforderungen.

Beispielsweise sind die Hürden, um eine Zulassung zu bekommen, damit das Produkt überhaupt auf den Markt kann sehr hoch. Danach sind aber auch die Voraussetzungen für Produkte, um eine Erstattung der Krankenkassen zu bekommen, sehr umfassend. Beides kann dazu führen, dass Produkte deutlich länger als 10 Jahre brauchen, um auf den Markt und in die Erstattung zu kommen. Auch der Datenschutz, die Interoperabilität unterschiedlicher Systeme oder die Sektorentrennung spielen eine Rolle.[2]

Diese Barrieren werden aber zunehmend durchbrochen, sodass digitale Technologien bereits heute die Gesundheit der Patienten maßgeblich verbessern und auch weiterhin verbessern werden. Digitale Lösungen sind oftmals herkömmlichen Lösungen überlegen. Das verstehen glücklicherweise zunehmend auch die härtesten Gegner.

In der Politik werden parallel weiter die Hürden für die Digitalisierung abgebaut. Bspw. soll es nach einem Beschluss von 2019 Vereinfachungen für die Erstattung von Apps geben[3] oder die gesetzlichen Krankenkassen müssen ab 2021 ihren Versicherten eine elektronische Patientenakte (ePA) anbieten.[4]

Die Digitalisierung schreitet demnach auch im Gesundheitswesen mit großen Schritten voran und sie wird auch weiterhin noch an Tempo zunehmen, weil die Hürden zunehmend abgebaut werden und der Druck auf die Gegner der Digitalisierung von allen Seiten wächst. Eines gilt jedenfalls als sicher: „alles, was digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert werden“, wie erstmals die ehemalige Chefin von Hewlett-Packard, Carly Fiorina, festgestellt hat.[5]

In welchem medizinischen Bereich sehen Sie den größten Nutzen von eHealth?

 Es gibt im Grunde in jedem Bereich der Versorgung sehr gute digitale Lösungen von Seiten der Medizintechnikindustrie. Von der Prävention, der Diagnose und Therapie bis hin zum Monitoring und der Nachsorge: überall können digitale Lösungen eine Rolle spielen.[6]

In der Diagnostik gibt es implantierbare Ereignisrekorder, die sehr gut nachweisen konnten, dass sie helfen können Herzrhythmusstörungen zu behandeln.[7] Apple kann mit seiner Watch Vorhofflimmern detektieren.[8] Außerdem finde ich auch VocalisHealth besonders interessant. Es ist ein Startup, dass sich mit der Analyse von Stimmen bzw. von verbalen Biomarkern von Patienten befasst und so dann auf den Gesundheitszustand schließt.[9]

Im Bereich Monitoring gibt es auch wirkliche Gamechanger: FreeStyle Libre von Abbott für das Glucose-Monitoring von Diabetes Patienten ist so einer. Es ist inzwischen bei vielen Krankenkassen als Satzungsleistung anerkannt.[10] Der Scan eines Sensors mit einem Messgerät ersetzt, dass der Patient sich mit einer Nadel in den Finger stechen muss, um einen Bluttropfen für die Messung zu benutzen. Ich erwarte auch das in Deutschland bald ein telemedizinischer Drucksensor namens CardioMEMS von den gesetzlichen Kassen erstattet wird. Er kann für die telemedizinische Therapiesteuerung von Patienten mit Herzinsuffizienz eingesetzt werden.[11] So können durch eine schnellere Diagnostik Krankenhausaufenthalte vermieden, die Lebensqualität gesteigert und Kosten gespart werden.[12]

Im Bereich der Therapie gibt es Robotik-Lösungen: so wird das Da-Vinci-Operationssystem von Intuitive Surgical heute vielfach für Prostataoperationen eingesetzt.[13] Die roboterassistierte OP kann die chirurgische Präzision erhöhen und damit die Behandlungsergebnisse verbessern.[14]

Ich kann aus Zeit- und Platzgründen nur ein paar Lösungen zeigen, die aus meiner Sicht einen sehr großen Nutzen haben. Das Potential für die Patienten ist enorm.

Wie arbeiten Sie persönlich daran, eHealth in das Pflege- und Gesundheitssystem zu integrieren?

Ich war als Vice Chair der Digital Health Sector Working Group bei Medtech Europe, dem europäischen Fachverband der Medizintechnikbranche, an der Erstellung eines Positionspapiers beteiligt.[15] Ein zentraler Punkt des Papiers ist bspw., dass es einen Fonds für die finanzielle Förderung der Digitalisierung im Gesundheitswesen geben sollte.

Zudem habe ich mich auch intensiv mit dem Market Access von digitalen Medizinprodukten beschäftigt. Hier geht es (auch) darum, dass Krankenkassen die Produkte erstatten.

Daneben konnte ich Entwicklungen beim Bundesverband Medizintechnik vorantreiben, wo es inzwischen auch eine eigene Mitarbeiterin für Digital Health gibt.[16]

Auch tragen alle meine Bestrebungen für den vereinfachten Marktzugang von nicht digitalen Medizinprodukten gleichzeitig auch zur Verbesserung des Marktzugangs von digitalen Produkten bei, weil sich oftmals beide Arten von Produkten denselben Anforderungen an die Methodenbewertung unterwerfen müssen.

Ich versuche nicht zuletzt auch meine Studenten von der Digitalisierung im Gesundheitswesen zu begeistern, in dem ich Beispiele aus der Praxis bringe.

Es ist ein sehr spannendes Feld, mit dem sich jeder, der im Gesundheitswesen arbeitet, auseinandersetzen sollte und ich bin froh viele Gleichgesinnte zu kennen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person

Steffen Uffenorde ist seit 12 Jahren im Bereich Market Access, Gesundheitsökonomie und Reimbursement aktiv. Er hat einen Master und Bachelor-Abschluss im Bereich Gesundheitsökonomie und hat erste Erfahrungen bei der WHO und den Helios Kliniken gesammelt. Zwischen 2014 und August 2018 war er bei Abbott / vorher St. Jude Medical unter anderem mit der Markteinführung von telemedizinischen Produkten betraut. Seit September 2018 arbeitet Steffen bei BD als Public Policy Manager. Er war zwischen 2017 und 2019 Dozent im Studiengang für Management und Ökonomie im Gesundheitswesen an der Hochschule Fresenius und hat seit dem Wintersemester 2019 bei der FOM Hochschule einen Lehrauftrag im Bereich Public Health sowie Medizinpädagogik. Die hier geäußerten Antworten von Steffen Uffenorde spiegeln seine persönliche Meinung wieder.


[1] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/e/e-health.html

[2] https://www.wido.de/fileadmin/Dateien/Dokumente/Publikationen_Produkte/GGW/wido_ggw_0316_elmer.pdf

[3] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/digitale-versorgung-gesetz.html

[4] https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/e/elektronische-patientenakte.html

[5] https://www.cigno-network.com/innovation/digitalisierung/

[6] https://www.medtecheurope.org/wp-content/uploads/2018/06/2018_MTE_MedTech-Europe-_Digital-Health-infographic.pdf

[7] https://ag-ep.de/implantierbarer-ereignisrekorder/

[8] https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1901183

[9] https://vocalishealth.com/

[10] https://praxistipps.focus.de/freestyle-libre-kostenuebernahme-durch-die-krankenkasse_105769

[11] https://www.g-ba.de/presse/pressemitteilungen/841/#datengestutztes-zeitnahes-management-in-zusammenarbeit-mit-einem-arztlichen-telemedizinischen-zentrum-fur-patientinnen-und-patienten-mit-einer-fortgeschrittenen-herzinsuffizienz

[12] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21315441

[13] https://www.prostatakrebs-bps.de/medizinisches/spezialkliniken-und-aerzte/158-kliniken-mit-da-vinci-systemen

[14] http://www.mriu.de/pdf/MRIU_daVinci_lang.pdf

[15] https://ec.europa.eu/newsroom/dae/document.cfm?doc_id=58928

[16] https://www.bvmed.de/de/bvmed/wir-ueber-uns/geschaeftsstelle/person-gladkov/cv-natalie-gladkov

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